Das Streben nach Glück
Es liegt tief in uns verwurzelt, dass wir ständig und intensiv nach Glück streben. Wir jagen ihm oftmals regelrecht hinterher, ähnlich wie dem Heiligen Gral. Mit dem Glück ist es jedoch so eine Sache - je mehr man es jagt, desto weniger lässt es sich finden.
Das klingt jetzt etwas nach Glückskeks-Spruch, und ja, es hat etwas von dieser Mentalität. Also gehen wir mal ein wenig mehr ins Detail, damit klar wird, was ich damit meine.
Glück kann man meines Erachtens nach nicht jagen, aber tatsächlich kann man es lernen. Und daher ist das Streben nach Glück durchaus etwas, das man lernen und umsetzen kann. Streben steht dabei für etwas, das man mit der Bewegung des "sich streckens", einer Art Ausdehnung bildlich darstellen mag. Stell Dir also vor, dass Du Deine Arme weitest, Dich streckst (groß machst) und so dem Glück ein Stück näher kommst. Und dass diese Bewegung, wie die meisten Bewegungen, eine ist, die man erlernen und trainieren kann.
Sich auf das Glück also hin zu bewegen, das gibt uns doch schon ein ganz anderes Bild vor unserem geistigen Auge als das krampfhafte Jagen nach einem Heiligen Gral, den es so vielleicht niemals geben wird.
Der Heilige Gral
Ich vermute, wir allen haben schonmal hier oder da von dem Heiligen Gral gehört. Historisch gesehen gibt es keinerlei Beweise oder Hinweise, dass es ihn wirklich jemals gegeben hat. Er zieht sich jedoch in einer fast schon wild anmutenden, fantasievollen Mischung verschiedener Dichter durch diverse Sagen und Legenden des alten Europas und ist vor allen Dingen in der Ritterzeit angesiedelt.
Die wohl bekannteste und lehrreichste Verknüpfung finden wir in den Geschichten rund um die Artus-Saga. Als der glorreiche Hof König Artus zerfällt, machen sich die Ritter der Tafelrunde auf die Suche nach diesem Heiligen Gral - der praktisch alles verspricht, was man sich nur wünschen kann.
Sie teilen sich dabei in ein Lager aus Jägern und jenen, die sich finden lassen.
Denn das ist es, was sich im groben Kontext (bitte legt mich hier nicht zu sehr auf die literarischen Fakten fest, dies dient als reines Symbol) immer wieder feststellen lässt. Der Gral wird gefunden, nicht gesucht.
Hier liegt ein kleiner, aber sehr wichtiger Unterschied. Der Suchende kann nicht finden, doch wer sich treiben lässt und einfach nur "erstrebt", findet am Ende.
Lancelot und Galahad waren in der Sage Vater und Sohn, die kaum unterschiedlicher sein konnten. Während Lancelot ein regelrechter Hitzkopf und der klassische Ritter war, der jagte und siegen wollte, war sein Sohn das, was wir als "Strebender" bezeichnen könnten. Er war ein Lehrling des Seins und des Ganzen -und so fand er den Gral letztlich.
Der Gral entpuppte sich aber nicht als goldener Kelch, sondern als eine Verschmelzung mit dem Göttlichen, wenn wir es so wollen. Galahad strebte, während sein Vater suchte. Beides beinhaltet Aktivität, aber es gibt einen großen Unterschied.
Die meisten der Ritter, so auch Lancelot, suchten den Kelch im Außen.
Galahad jedoch findet ihn am Ende - im Inneren.
Glück liegt niemals im Außen
Und das ist der größte Fehler bei der Jagd auf das Glück - und der größte Unterschied zum Streben nach Glück oder zum schlichten Finden des Glück. Zum einfachen, simplen Glücklichsein.
Die meisten von uns machen das Glück an äußeren Fakoren fest.
Ich bin erst glücklich, wenn... (ich reich bin, ich ein Kind habe, ich gesund bin, ich eine tolle Partnerschaft habe, ich mein Traumauto fahre, ich abgenommen habe, alle um mich friedlich sind usw.)
Doch das ist in unserem Sinnbild die Suche nach diesem mysteriösen goldfunkelnden Kelch, der auf magische Weise all unsere Probleme in Freude verwandelt.
So funktioniert es nicht. Ich wollte gerade "leider" schreiben, aber ich habe mich dagegen entschieden. Denn eigentlich, so glaube ich, ist es gut, dass es so nicht funktioniert.
Glück ist tatsächlich, so abgedroschen es klingt, erstmal eine innere Entscheidung und vor allen Dingen Hingabe an das, was ist.
Natürlich sind äußere Umstände hilfreich, um einem Glücksgefühl näher zu kommen.
Aber das ist auch schon alles.
Galahad ist ja auch irgendwie zur Gralsburg gekommen, er hatte ein Pferd. Sieh das als äußeren Faktor. Mehr ist es aber auch nicht. Es ist nur das Pferd. Den Po wund reiten musst Du Dir selbst, den Weg musst Du ebenfalls überstehen und Du musst Dich ihm öffnen, sonst rennt den Pferd einfach am Gral vorbei. So einfach.
Babyschritte auf dem Weg zum Glück
Hach, klingt das jetzt wieder alles nach Facebook-Glückskeks Mantra und so einfach, dass man direkt keine Lust mehr hat, es zu versuchen? Verstehe ich!
Denn ganz so einfach ist es nicht - und wir mögen es halt alle gerne einfach.
Wieso gibt es nicht so "Heilige Gral Glückskekse" draußen zu kaufen? Das wäre es doch.
Nein, so leicht macht das Leben und Sterben und Streben ;) es uns eben nicht.
Aber eine gute Nachricht: Du musst den Weg zum Glück nicht in Sieben-Meilen-Stiefeln laufen. Babyschritte genügen und die sind einfach zu machen.
Das wichtigste dabei ist:
Man kann nicht ständig glücklich sein. Unglücklich sein gehört genauso zum Leben dazu. Es ist kein Versagen und keine Schande. Du hast Dich deswegen keinesfalls psychologisch nicht genug weiterentwickelt, du bist nicht zu wenig erleuchtet oder zu doof oder armselig, um etwas scheinbar einfaches gut hinzubekommen.
Die meiste Zeit Deines Lebens darfst Du irgendwas zwischen super glücklich und verflucht unglücklich sein. Das Leben ist nicht dazu gemacht, Menschen in einen Dauerzustand des Glücks zu versetzen. So wenig wie das ganze Jahr über Sommer sein kann oder 24 Stunden lang hellichter Tag. Das wäre äußerst fatal.
Wenn Du diesen Druck von Deinen Schultern nimmst, hast Du den allerersten und größten Schritt zur Tür der Gralsburg getan - zu Deinem Glück. Denn Glück kommt meist gerade gar nicht, wenn man es krampfhaft erwartet oder ersehnt. Dann bist du wieder Lancelot und Co. und jagst Hals über Ritterrüstung dem Glück hinterher und wirst ihm niemals näher kommen.
Geh in kleinen Babyschritten. Schritt Eins: Ich darf unglücklich sein.
Perfekt!
Glück findest Du im Kleinen
Der nächste Schritt ist genauso wichtig. Hör auf, das Glück außen und vor allem im Großen zu suchen.
Der Hochzeitstag, die Geburt Deines Kindes, der Hausbau, die Beförderung, der Traumurlaub. All das KANN ein Impuls für Glück sein, aber wenn Du ehrlich bist: An Deinem Hochzeitstag gab es vielleicht echt bescheidene Momente - das Kleid oder die Krawatte hat gedrückt, das Essen war nicht so lecker wie gedacht. Die Geburt des Kindes hatte vermutlich auch nicht nur Schokoladenseiten, der Hausbau war nervenzehrend, die Beförderung furchteinflößend, der Traumurlaub bescherte Dir eine fette Migräne und eigentlich war der Sandstrand viel zu heiß unter den Füßen.😎
Ich denke, Du weißt, worauf ich hinaus will.
Dein Glück wurde nicht vom Urlaub erzeugt. Es wurde davon nur in Dir aktiviert... wie eine Saite, die jemand zupfte, die aber schon immer in Dir wohnte. Und immer in Dir wohnen wird!
Du musst also "nur" den Zugang zu dieser Saite lernen. Interessanterweise prägen sich bei uns gerne und intensiv die großen Momente ein, weil sie buchstäblich aus der Reihe fallen.
Das konstante, erdige Glücksgefühl, das wir eigentlich erstreben, setzt sich aber nur zu einem Bruchteil aus diesen "bemerkenswerten" Momenten zusammen.
Eine kleine Übung für Dich -mach diese am besten an einem Tag, wo Du Dich wirklich nicht sehr glücklich fühlst:
Nimm Dein Smartphone oder Tablet oder welches Gerät auch immer (wenn du oldschool bist gerne auch ein Fotoalbum aus Papier) und blättere durch deine alten Fotos der letzten Jahre.
Und mach Dir einen Punkt, einen Strich oder sonstwas auf ein Blatt Papier (oder leg Dir eine schöne Glasmurmel in ein Glas oder oder oder... mach es sichtbar!) für jedes Foto, das Du mit ein wenig Glück verbindest. Bei welchem ein schönes Gefühl im Magen aufkommt.
Ich wette mit Dir, Du wirst einige Punkte, Striche oder Murmeln haben. Und DIESE Sammlung - die ist es, die in der Summe DEIN Heiliger Gral ist.
Und selbst wenn Du nur wenige Fotos findest - dies ist nur ein Sinnbild. Wir fotografieren nur einen Bruchteil unseres Alltags und Lebens. Selbst wenn Du nur wenig, wenig Fotos gefunden hast. Denk an all die Momente, welche diesen ähneln, aber schlichtweg nicht festgehalten wurden - auf einem Bildschirm / Papier. Aber IN Dir sind sie noch da. Finde sie.
Der funkelnde, tanzende Staub
Auch hier machen viele Menschen den Fehler, nach "Großigkeiten" Ausschau zu halten. Das Urlaubsfoto, Hochzeitsfoto und was weiß ich.
Aber nein, das ist es nicht. Manchmal kann Glück dieser Moment sein, an dem Du im Laufe des Tages im Zimmer sitzt und ein Sonnenstrahl durchs Fenster fällt. In ihm entdeckst Du, wenn Du kurz inne hältst, Millionen von tanzenden, schwebenden Partikeln funkelnden, glitzernden Staubes.
Und das allein kann reichen, um Glück in Dein Herz zu bringen.
Es muss nicht. Aber es kann. Vielleicht ist es für Dich der Vogel, der morgens zwitschert. Oder der Duft Deines Kaffees. Dein Haustier, das sich an Dich kuschelt. Oder, oder, oder...
Und wenn Du jetzt sagst. "Ich hab keine Vögel vor dem Fenster, kein Haustier und mag keinen Kaffee."
Dann mach Dir bitte klar, dass es nicht um Vögel oder Kaffee geht. Du hast immer irgendwas um Dich herum und es ist immer etwas da, welches das Potential in sich birgt, die Saite in Dir zum Schwingen zu bringen, die deine persönliche Glücksmelodie spielt.
Glück und Dankbarkeit
Eine einfache, vielleicht schon etwas ausgelutschte aber nicht weniger wirksame Methode ist es, sich einmal am Tag bewusst auf das zu konzentrieren, was gut war. Viele nennen dies Achtsamkeits/Dankbarkeitsübungen.
Du musst nicht kompliziert "Journaling" machen (wenn Du es nicht willst). Es reicht, wenn Du Dir eine kurze Minute am Tag nimmst (oder mehr oder weniger) und Dir klar machst, was heute schön war. Schön. Nicht überragend, nicht Glücksrausch. Nur schön, angenehm, nett, wohltuend.
Die meisten Tage wirst Du etwas finden.
Und wenn Du partout nichts findest, geh weiter nach hinten, bis Du einen Punkt findest - und wenn der Tage entfernt ist. Hol Dir diese kleinen Stupser an Deine Glücks-Saite in Dir immer wieder zurück. Geh immer wieder in Dein Herz und finde dort immer öfter dieses zarte Funkeln Deines eigenen Heiligen Grals.
Und das schöne an diesem Streben ist, dass Du mit jedem Tag, an dem Du Dich in Richtung Deines Glücks dehnst und streckst, einfach ein wenig dehnbarer wirst. Wie Glücks-Pilates. Deine Saite wird immer schneller zu finden sein.
Und ja - an manchen Tag wirst Du sie partout nicht zum Schwingen bringen. Und das ist mehr als okay! Manchmal geht es so vielleicht richtig lange am Sück. Auch das ist okay! Es geht vorbei. Das Glück weicht nicht. Du verlernst es nicht, noch kannst Du es verlieren. Es bleibt. Manchmal eben verborgen, aber es bleibt.
Glück ist (k)ein Dauerzustand
Ja, das ist ein Widerspruch. Aber das Leben ist oft widersprüchlich, und es ist vielleicht eines der größten Probleme von uns Menschen, diese Ambiguität nicht aushalten zu können.
Das Glück ist insofern ein Dauerzustand, dass es immer und überall in uns wohnt. Und es ist insofern eben kein Dauerzustand, weil wir schlicht und ergreifend nicht immer in diesem Glück wohnen können. Es wohnt in uns, aber wir nicht in ihm.
Es gibt Tage, da finden wir den Zugang. Mal leicht, mal schwer. Und an manchen gar nicht.
Wichtig ist, dass Du aufhörst, dieses Glück zu jagen - und damit anfängst, es zu finden. IN DIR. Und so kann es Dir niemals verloren gehen.
Nutze Deine Hilfsmittel:
- Schöne Erinnerungen
- Gerüche
- Geschmack
- Geräusche
- Umgebungen
- Menschen
- Umstände
Hör auf zu jagen. Fang an, dich zu strecken. Dein persönlicher Gral ist kein ferner, goldener Schatz im Außen – er ist die leise, feine Melodie, die genau in diesem Moment schon in deinem Herzen schwingt .
